Jugendclubs und Jugendkulturen in Eisenach und Umgebung

Pascal Bochröder, Katharina Büchner, Alexander Scholz, Laura Reyer, Richard Lessing, Josefine Steingräber und Daniel Hörschelmann - das sind wir, die Zeitenspringer des Wartburg-Radios. Wie auch in den vergangen zwei Jahren, springen wir zwischen den Zeiten und erforschen die Vergangenheit. Kramen alte Kisten aus, durchsuchen das Stadtarchiv und fragen bei unseren Eltern, Großeltern, Verwandten und Bekannten nach: „Wie war das denn damals so?”.

In diesem Jahr haben wir uns mit Jugendclubs und Jugenkulturen in Eisenach beschäftigt und haben Zeitzeugen aus Eisenach und Erfurt zum Thema befragt. Außerdem wollten wir wissen, was es mit der kirchlichen und staatlichen Jugendarbeit auf sich hat. Interessiert hat uns die Zeit der DDR bis zur Wende 1990. Unser Projekt wurde uns im Rahmen des bundesweiten Jugendprogramms „Zeitensprünge” durch die Stiftung Demokratische Jugend ermöglicht.

 

Ein Klub, was ist das überhaupt? - Nimmt man das Wort auseinander und findet für jeden Buchstaben ein verwandtes Wort, könnte das in etwa so aussehen: K - Kultur L - Lebensweise U - Unterhaltung B - Bildung. Doch wie könnte man „Jugendklub“ konkret definieren? Wir haben einmal nachgeschlagen in dem Buch „Jugendklubs" über die „Grundlagen für den Neubau und die Rekonstruktion von Kulturbauten” und haben ein paar interessante Passagen gefunden:

“Charktersitisch für den Jugendklub sind die aktive Einbeziehung der Klubmitglieder und Klubbesucher in die Freizeitgestaltung und die Verbindung von Kommunikation und Information, von Geselligkeit und Unterhaltung, von Erholung und Entspannung in der Klubaktivität. Der Jugendklub ist ferner gekennzeichnet durch die [...] politische Erziehung der Jugend. [...] Nutzer von Jugendklubs sind Jugendliche bzw. junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25, wobei 14- bis 18-jährige den höchsten Anteil darstellen.”

In der DDR waren die Jugendeinrichtungen für die sinnvolle Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen verantwortlich, denn außer sich die Zeit im Jugendklub zu vertreiben, gab es ja nicht allzu viele Möglichkeiten. Demzufolge waren die Ansprüche an die Einrichtungen hoch, was die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit der Heranwachsenden anging.
“Die Notwendigkeit jugendspezifischer Einrichtungen ergibt sich aus der Stellung der Jugend in der sozialistischen Gesellschaft und aus den Anforderungen, die die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung dieser Gesellschaft an die junge Generation stellt. Das sind Anforderungen an ihr Bildungs- und Qualifikationsniveau, an ihre politischen Kenntnisse und Fähigkeiten, an ihr staatliches Bewusstsein, ihre moralischen uns ästhetischen Anschauungen und Verhaltensweisen. Jugend nähert sich, wie Lenin sagte, auf anderen Wegen und in anderen Formen dem Sozialismus als ihre Väter. Diese Tatsache gilt es auch bei der Schaffung jugendgemäßer Einrichtungen Rechnung zu tragen.” Hierbei spielten z.B. die Leiter der Klubs eine wichtige Rolle.

Wir haben u.a. ein Interview mit Tino Kegel, heute Sozialpädagoge im „Jugendzentrum Alte Posthalterei” in Eisenach geführt. Er war seit 1988 stellvertretender Klubleiter des „Eierklubs” in Eisenach Nord, neben dem Leiter Reinhard Hünninger, dem sogenannten „Hühnchen”. Mit Tino Kegel zusammen haben wir uns alte Akten, Bücher, Fotos und Briefe angeschaut. Er hat uns vieles über das Jugendklubleben in Eisenach Nord erzählt und über die Bewirtung der Klubtheke, hierzu durften wir auch einmal in einem alten Thekenbuch blättern. Alle offiziellen Jugendeinrichtungen in der DDR unterstanden der Freien Deutschen Jugend, kurz FDJ. Wurde ein neues Wohngebiet errichtet, so wurde ein Klub für Kinder und Jugendlichen von vornherein mit eingeplant und in Eisenach Nord war das der „Eierklub“.

Bei uns hinterlassen die Geschichten von früher den Eindruck, als sei damals alles viel einfacher und lockerer gewesen. Eintritt und Getränke in den Klubs waren im Vergleich zu heute um Weiten billiger. Außerdem glaubt man, die Zeit damals sei eine einzige Party gewesen - es wurde oft gefeiert, getanzt und getrunken. Jedes Wochenende und meistens auch an ein, zwei Tagen in der Woche fanden Veranstaltungen für die Besucher statt. Doch der Klub diente unter der Woche auch als Treffpunkt für die Jugendlichen. Diese Treffen waren auch nach Altersgruppen gegliedert. Montag: P 16, Dienstag: P 14, Donnerstag: P 16 und Freitag: P 18. Jeden Mittwoch traf sich der Klubrat, dieser bestand aus volljährigen, ehrenamtlichen Mitarbeitern, die die Schlüsselgewalt hatten und für das Organisieren der Veranstaltungen zuständig waren. Sie sicherten die Veranstaltungen ab, denn viele der Feste mussten von der Stadt bewilligt werden.

Die ehrenamtlich Aktiven bildeten die “Crew” - Thekendienst, Küche und Einlass. Hauptamtliche Mitglieder waren der Klubleiter und sein Stellvertreter, sie mussten einer Partei angehören und dieser auch konform sein, ob sie wirklich überzeugt waren, das war Nebensache. Meist musste man auch damit rechnen, dass während der Veranstaltungen und der Treffen unter der Woche ein Mitglieder der Staatssicherheit mit dabei war. Das war in der DDR nie ausgeschlossen, manchmal konnte man ziemlich genau sagen, wo die StaSi ihre „Boten“ hatte, doch die Leute im Klub hat das nicht besonders gestört, sie haben trotzdem immer ihren Spaß gehabt.

Die Regelung „40/60„ - es durfte in der DDR 40% Westmusik gespielt werden und 60% Ostmusik - wurde, wenn auch mit einigen Tricks eingehalten. Natürlich gab es, wie heute auch, Altersbegrenzungen, was die Getränke anbelangt. Mit 14 und 15 Jahren: gar kein Alkohol, ab 16: Wein und Bier und ab 18 alle Getränke. Außerdem waren die Veranstaltungen nach Altersgruppen gegliedert. Da gab es z.B. den „Mitzwanzigerklub“. Dieser traf sich ein Mal im Monat und war für die Klubkasse eine gute Einnahmequelle, denn die über 18-jährigen durften ja alle alkoholischen Getränke kaufen. Ein Ende musste aber jede Veranstaltung haben. Je nach Antrag, den die Mitarbeiter an die Stadt gestellt hatten, gab es um 24 oder 1 Uhr die „Polizeistunde”. Alle Klubbesucher mussten spätestens eine halbe Stunde nach Beendigung der Feier gegangen sein. Danach feierten meist die Crew noch weiter - mit Decken vor den Fenstern, sodass man von außen nicht erkennen konnte, dass noch Licht brannte. Es macht wirklich Spaß, den Storys und Episoden von früher zuzuhören, man merkt, dass sich die Leute gerne erinnern.


Im Interview sagte Tino Kegel: “Die Gemeinschaft, die Clubgestaltung war das Schönste. Wenn die Gruppe von 30 Leuten Aktionen machte, z.B. nach Berlin fahren und am Alex sitzen, das hätte man alleine privat nie machen können.” Der Zusammenhalt unter den Klubmitgliedern und -besuchern war damals stärker als heute, hört man aus den Erzählungen heraus. Und Unterschiede zwischen dem Heute und Damals gibt es für Gewiss. Wer heute zu Disko geht, erscheint erst 24 oder 1 Uhr auf der Veranstaltung und feiert bis früh um 6. Sowas wäre damals nicht vorgekommen. Beginn der meisten Feiern war 19 oder 20 Uhr und wie schon erwähnt war nach Mitternacht meistens Schluss. Außerdem basieren die Jugendzentren heute auf einem niederschwelligerem Angebot. Die Einrichtungen sind hauptsächlich für Kinder und Jugendliche vorgesehen, die vielleicht einen weniger bemittelten Stand in der Gesellschaft haben. Die meisten Cliquen treffen sich nicht mehr in beaufsichtigten Jugendklubs, sondern gehen zu irgendwem nach Hause oder treffen sich an einem zentralen Punkt. Früher gab es in Eisenach aber natürlich nicht nur einen Jugendklub.

Außer des „Eierklubs”, konnten die Jugendlichen das „ABC - Artur Becker Jugendclub” oder den „Brunnenkeller” besuchen. Des weiteren hatte Eisenach Jugendklubs, die Betrieben unterstanden, z.B. der Jugendklub „Sonne” dem AWE- Automobilwerk Eisenach oder der „JC Frosch” bei der Assmannhalle der FER - Fahrzeugelektrik Ruhla. Inoffizielle Treffen von Jugendlichen fanden in kleineren Kellerklubs in den Neubaugebieten statt.

Außerdem haben wir uns auch noch über die Jugendkulturen der DDR informiert. Dafür haben wir einen Tagesausflug nach Erfurt gemacht, um uns dort mit einem ehemaligen Blueser und einem Kenner der Punkszene der DDR zu unterhalten. Diese Jugendkulturen wurden von der Jugend selbst organisiert und entstanden mehr im Untergrund, denn sie waren nicht staatskonform. Sowohl die Blueser als auch die Punks hat eine Sache besonders gebunden: die Musik. Die Gruppen sind zusammen auf Konzerte gegangen, haben sich in ihren Einrichtungen getroffen und es wurde die jeweilige Musik gehört, gefeiert und auch getrunken. Sie waren eine Gemeinschaft für sich, hatten ihren eigen Stil, ihr eigenen Gewohnheiten und waren eben ein bisschen anders als alle anderen. Der Blues bzw. Punk war ihr Leben und sie wollten sich nicht ändern. Die Themen Jugendklubs, Jugendkulturen und Jugendarbeit haben wir erforscht. Entstanden sind zahlreiche Interviews und Beiträge. Uns, den Zeitenspringern des Wartburg-Radios hat die Zusammenarbeit mit den Zeitzeugen sehr gut gefallen und wir möchten uns auch bei allen Mitwirkenden für ihre Unterstützung bedanken. Doch nun hoffen wir, dass Ihnen unser Ergebnis gefallen wird.

Zusätzlich zu den Interviews gibt es einen Kalender mit Fotos und weiteren Infos den man hier als PDF downloaden kann.

Viel Spaß beim Zuhören!

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